Störfaktoren und Belastungen durch den Angelsport 24.11.2015 19:48

In der Verhaltensforschung sind Störungen, als nicht zur normalen Umwelt von Organismen, Populationen oder zum normalen Haushalt von Ökosystemen gehörende Faktoren oder Faktorenkomplexe, häufig vom Menschen ausgelöst, die reversible oder irreversible Veränderungen in den Eigenschaften dieser Systeme bewirken, definiert (GELLERMANN 2007).

Bevor auf die umweltrelevanten Berührungspunkte zwischen dem Angelsport und Brut- und Rastvögeln eingegangen wird, sind im Folgenden zunächst übergreifende Aspekte und Zusammenhänge aufzuzeigen und die sich daraus ergebenden Belastungserscheinungen. Zwischen Naturschutz und dem Angelsport bestehen vielfältige Wechselbeziehungen, die auf gemeinsamen Interessen beruhen, aber auch Beeinträchtigungen der Natur nach sich ziehen können. Gleichlaufende Interessen sind der Wunsch nach vielgestaltigen, naturnahen und sauberen Gewässern, nach dem Bedürfnis, in Ruhe Natur und Landschaft zu erleben und zu genießen. Gegenläufige Interessen sind das Eindringen in empfindliche und störsensible Räume und die massen- und dauerhafte Nutzung von Gewässern und Uferstreifen.

Diese Wechselwirkung zwischen Angelsport und Umwelt sind dementsprechend vielfältig: Das Angeln beeinflusst die natürlichen Ressourcen (wie Boden, Wasser, Tier- und Pflanzenwelt) und wirkt damit unmittelbar auf betroffene Vogelarten. Diese Auswirkungen haben nachteilige Veränderungen in den Eigenschaften streng geschützter Vogelarten an ihren Brut-, Nist-, Wohn- und Zufluchtsstätten. Die Auswirkungen anthropogener Einflüsse können jedoch auf unterschiedlichen Ebenen an Individuen sichtbar werden. Sie zeigen sich durch unmittelbare Reaktionen, aber auch durch Auswirkungen auf Kondition und Fitness. Auf der Ebene der Reaktion (Erregung, Verhalten) ist eine augenscheinliche Anpassungsfähigkeit zu beobachten. Beispielsweise kann das Distanzbedürfnis rastender Vögel bei einer sich nähernden Person durch Flucht ausgeglichen werden. Man spricht hier zwar von Kompensation, aber die damit verbundene Reaktion ist mit eigenen Kosten verbunden (STOCK 1994). Diese Kosten können sich bei Zugvögeln beispielsweise in einer mangelnden Kondition äußern. Das Erreichen des Winterquartiers kann somit unter Umständen scheitern.

„Ein gewisses Maß oder eine Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Reizen kann vom Individuum und der Population abgefangen werden. Nur solche Einflüsse, die dieses Maß überschreiten und Auswirkungen auf andere Bezugsebenen haben, sind als gravierend zu bewerten“ (STOCK 1994: 52). Diese Darstellung nach STOCK 1994 soll die Erarbeitung der Wirkfaktoren in dem Fall die angelsportbedingten Reize (Störreize) und die daraus resultierende Auswirkung und damit verbundene gravierende Störung in der anschließenden Bewertung der Empfindlichkeiten veranschaulichen. Die Bedrohung der Vögel aufgrund dieser angelsportbedingten Störreize beruht in erster Linie auf der direkten visuellen und akustischen Störung. Die indirekte Zerstörung, Zersplitterung, Verkleinerung und Entwertung des Lebensraumes ergibt sich hauptsächlich aufgrund von Belastungen durch Anund Abfahrt, Belastungen im naturnahen Uferbereich und durch Belastungen im Gewässer selbst. „Bei der Auswahl des Standortes/ Sitzplatzes wird selten Rücksicht genommen auf schützenswerte Pflanzenbestände am Ufer und am Gewässerrand – der Platz, versteckt mitten in einem Schilfbestand erscheint oft am erfolgversprechendsten“ (OTT 1989: 69), so wird in der Regel ein Weg gebahnt und der Sitzplatz planiert. Das Angeln gehört zwar zu den ruhigsten Freizeitaktivitäten, es genügt jedoch schon meist der Anmarsch und die Anwesenheit der Menschen über einen längeren Zeitraum, um Tiere zu verscheuchen oder deren Lebensrythmus zu stören.

Angler bewegen sich gerne an der frischen Luft und erfreuen sich an naturbetonten Landschaften. Dabei gehen sie ihrem Sport vorzugsweise an abgelegenen Orten nach. Sie nutzen damit jedoch in der Regel sensible Lebensräume zahlreicher Pflanzen- und Tierarten (o.V. BFN 2007), unter anderem auch unbewusst. Übersicht über typische Belastungserscheinungen durch einen Angler:

- Vergrämungen oder Ansiedlungsblockaden von Tieren

- Erosionen, insbesondere an Gewässerufern

- Müllablagerungen

- Trittschäden an Vegetation und Boden

- Entstehung von Trampelpfaden

Belastungen durch den Angelsport können nach direkten und indirekten Beeinträchtigungen und Auswirkungen unterschieden werden. Unmittelbare (direkte) Beeinträchtigungen entstehen u.a. durch Störung von Tieren „Mittelbare (indirekte) Belastungen entstehen im Zusammenhang mit den unmittelbaren Auswirkungen und können diese sogar übertreffen“ (HELLBERG 1992: 39).

Darunter fallen beispielsweise Zufahrtswege und die damit verbundene Veränderung der ökologischen Verhältnisse wie Trittwirkung auf die Vegetation oder auch Stoffeinträge durch Müllablagerung. Im Verlauf der Abhandlung wird zwischen den direkten und indirekten Beeinträchtigungen unterschieden. Diese Belastungserscheinungen lassen sich somit in folgende zwei Belastungstypen unterteilen und sind als Schwerpunkte der angelsportbedingten Umweltproblematik zu betrachten. welche nachfolgend detaillierter betrachtet werden:

- direkte Störungen - Störung der Fauna, insbesondere Beeinträchtigungen im Brutverlauf und

- indirekte Störungen - Beseitigung und Umwandlung von Lebensräumen, Trittwirkung auf die Vegetation, Abfälle (Angelplätze, Zufahrtswege etc.) und die damit verbundene Veränderung der ökologischen Verhältnisse

Quellen:

STOCK, M., H.-H. BERGMANN, H.-W. HELB, V. KELLER, R. SCHNIEDRIG-PETRIG & H.C, ZEHNTER. 1994: Der Begriff Störung in naturschutzorientierter Forschung: Ein Diskussionsbeitrag aus ornithologischer Sicht. , Z. Ökol, Natursch. , 25-33 S.

GELLERMANN, M.; SCHREIBER M., 2007: Schutz wildlebender Tiere und Pflanzenarten in staatlichen Planungs- und Zulassungsverfahren. Springer: Berlin, Heidelberg, 503 S. 

OTT, S., 1989: Sport und Umwelt. Zweckverband Großraum Hannover: Hannover, 99 S.

HELLBERG, U., 1992: Naturerlebnis und Naturschutz im Konflikt am Beispiel des Kanusports an der Ammer. Natursport-Verlag Rolf Strojec: Rüsselsheim, 120 S.

o.V., BFN 2007: Natur - Information - Spaß - Erleben: Ideenhandbuch für die Naturschutzkommunikation. Bundesamt für Naturschutz: Bonn-Bad Godesberg, 60 S.

Text: "Konflikte zwischen Naturschutz und Angelsport im Nationalpark Unteres Odertal am Beispiel betroffener Vogelarten" - Camilo Rodorff - Juli 2009 Technische Universität Berlin