Direkte - akustische und visuelle Störungen

24.11.2015 19:49

Räumliche Nähe

Die räumliche Nähe zu brütenden oder dem Nahrungserwerb nachgehenden Vögeln ist die offensichtlichste Belastung, da sie unmittelbare Auswirkungen hat. In der Regel ist das auffälligste Zeichen dafür, dass sich Vögel gestört fühlen, ihre Flucht. Diese Sensibilität gegenüber Störungen wird oft anhand der Fluchtdistanzen beschrieben. Die Fluchtdistanz ist kein wissenschaftlicher Wert, sondern ein Erfahrungswert, der bei einem Tier die kürzeste Annäherungsdistanz angibt, bei der es nicht flieht. Ob ein Spinnangler, der am Ufer entlang geht und den Raubfischen nachstellt, oder der Ansitzangler, beide stellen bei Annäherung, an betroffene Vögel, eine Störung dar. Die Nähe zu einem Gelege kann eine Flucht des Brutvogels vom selbigen verursachen. Zu unterscheiden ist die kurzzeitige Flucht und eine Flucht auf Dauer, die nicht selten zum Absterben des Geleges führt. Das plötzliche Erscheinen eines Anglers kann bei störungsempfindlichen Arten eine derart schnelle Flucht nach sich ziehen, bei der durch das Aufspringen des Vogels, das Gelege zerstört wird. Dies ist oft bei Seeschwalben zu beobachten, die pfeilartig in die Höhe schießen. Aber auch Angriff ist eine Reaktion auf starke Störungen. Diese Angriffsreaktion gegen Menschen tritt jedoch nur bei einigen Vogelarten wie beispielsweise dem Kiebitz (Vanellus vanellus) oder auch dem Höckerschwan (Cygnus olor) auf und hauptsächlich zur Brutzeit. Die Folge von Angriffsreaktionen kann ein vorübergehendes Verlassen des Geleges nach sich ziehen. Das Gelege ist in der Zeit wehrlos gegenüber Räubern ausgesetzt.

Lärm

Die Warnehmung von Lärm kann sich durch vielfältige Weise äußern. In der Regel ist der Angler ruhig, um seine Beute nicht zu verschrecken. Dennoch kann eine Unterhaltung bei einer ruhigen Umgebung eine Lärmquelle darstellen. Aber auch bestimmte Angelgeräte wie die Aalglocke oder elektrische Bissanzeiger äußern sich durch hochfrequente und teilweise laute Töne. Gerade an der Oder ist das Grundangeln durch die starke Strömung weit verbreitet und so werden hier oft akustische Bissanzeiger genutzt. Solche akustischen Signale können sich in einer Gefahrenwahrnehmung äußern und zu Schreck- aber auch Stressreaktionen führen.

Haustiere

Haustiere, die den Angler begleiten, sind in der Regel Hunde. Auch bei Leinenzwang im gesamten Nationalpark, ist davon auszugehen, dass freilaufende Hunde anzutreffen sind. Dies konnte durch eigene Beobachtungen bestätigt werden. Der Hund kann auf den Vogel wie ein natürlicher Feind wirken und so eine vermeidbare Störung verursachen. Der freilaufende Hund eines Wanderers unterscheidet sich von dem eines Anglers. Der Angler weicht von den vorgegebenen Rad- und Wanderwegen ab, um an das Gewässer zu kommen und so geht auch der Hund entsprechend dem abweichenden Weg in die sensiblen Bereiche mit. Eine erhöhte Gefahr entsteht bei Bodenbrütern. Ein Hund kann zahlreiche Bodenbrüter unter den Vögeln stören, die Eier vernichten oder den Vogel so stören, dass er den Brutvorgang nicht fortsetzt oder zu lange unterbricht, die Eier auskühlen und absterben. Gerade in der Brutzeit ist es wichtig, dass die Brutstätten nicht beeinträchtigt und die Hunde angeleint werden. Sobald die Fluchtdistanz für Bodenbrüter durch frei streunende Hunde aufgehoben ist, werden diese Tiere in ihrer Lebensart empfindlich gestört.

Zeitliche und räumliche Konzentration

Bei fast allen Vogelarten spielt die Einwirkungsdauer einer Störung eine entscheidende Rolle. So kann das mehrstündige Ansitzen an einer Angelstelle und das damit verbundene mögliche Fernbleiben vom Gelege das Absterben einer Brut zur Folge haben. Bei allen direkten Störungen sind Auswirkungen von ausgelösten Angriffs-, Schreck- oder auch Fluchtreaktionen oft dieselben. So werden im Verlauf, der dem Kapitel anschließenden, Empfindlichkeitsbe wertung die unterschiedlichen direkten Störungen zusammengefasst.

Text: "Konflikte zwischen Naturschutz und Angelsport im Nationalpark Unteres Odertal am Beispiel betroffener Vogelarten" - Camilo Rodorff - Juli 2009 Technische Universität Berlin